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Existenzphilosophie als Philosophiekritik

Subjektive Wahrheit – Sören Kierkegaard (1813-1855)

Das war es, was mir fehlte: ein vollkommen menschliches Leben zu führen und nicht bloß eines der Erkenntnis, um dadurch so weit zu kommen, daß ich meine Gedankenentwicklungen nicht gründete auf - ja auf etwas, was man ‚objektiv’ nennt - etwas, was doch auf jeden Fall nicht mein eigen ist, sondern auf etwas, was mit der tiefsten Wurzel meiner Existenz zusammenhängt, wodurch ich sozusagen im Göttlichen eingewachsen bin...1)

Damit ist ein ursprüngliches Bedürfnis nach Einheitlichkeit angesprochen, in der sich dem einzelnen ein Bewußtsein seiner besonderen, ganz einzigartigen Bedeutung vermittelt, und zugleich geltend gemacht, daß solche Einheit diejenige von Erkenntnis und Leidenschaft, von Vernunft und Gefühl, des Objektiven mit dem Subjektiven zu sein hat. Der Wunsch „im Göttlichen eingewachsen“ zu sein, meint dabei zunächst nichts anderes als eben ein Verlangen nach Vollkommenheit, nach einer übergeordneten, absoluten Ebene, die alles trägt und in sich schließt, ohne daß dabei Teile des Ganzen aus-geklammert sind oder auch nur als unwesentlich gelten.

Gegen das bloß gedachte, nicht unmittelbar zu erfahrende Ideal einer unsterblichen Seele, wie es etwa PLATON beschwor, fordert Kierkegaard die Notwendigkeit einer „Realexistenz“, sieht er den konkreten Menschen in seiner Zeitlichkeit zwischen Geburt und Tod, dem ganz direkt und unvertretbar die Aufgabe gestellt ist, sein Leben zu übernehmen und verantwortlich zu führen.
Dabei gilt es, so widersprüchlich und unzulänglich sie auch erscheinen mag, die Einheit von Leib und Seele nicht zu verleugnen, diese beiden Seiten, die erst den ganzen Menschen bilden, nicht auseinander zu dividieren und etwa der Seele die allein wahre Wirklichkeit zuzuschreiben, bloß weil es viel einfacher ist, sich eine vollkommene Idealwelt zu konstruieren und so „ins Formlose zu verschweben“.
Statt der gedachten wird die „ethische Harmonie“ zum Kriterium sinnvoller Existenz, und nur was sich handelnd - und das meint immer: in der konkreten Lebenswirklichkeit – bewährt, kann als verbindliches und erstrebenswertes Ziel für den einzelnen gelten, ohne daß daraus sogleich ein allgemeines Gesetz abzuleiten sei.
Kierkegaard ging es nie um einen eigenen systematischen Entwurf beziehungsweise um die Herleitung der Erkenntnis aus einer absoluten Instanz, wie sie in der idealistischen Philosophie von Platon bis Hegel entweder als unsterbliche Seele oder allumfassender Weltgeist vorausgesetzt war, sondern im Grunde bleibt das alleinige Wahrheitskriterium die faktische Existenz, und das heißt konkret Kierkegaard selbst.
Sich selbst kann Existenz nicht objektiv gegenständlich erscheinen, allein als immerwährendes Streben nach Vollkommenheit, als dauernder Versuch, die eigene Wesensmöglichkeit zu verwirklichen. Und gerade das nicht aufzulösende Faktum des immer noch und immer schon Da-Seins gilt als der paradoxe Kern menschlicher Existenz, den unbeachtet zu lassen direkt in die Unmenschlichkeit bloßer Abstraktion und damit von vornherein zur Unwahrheit führt.
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Die einzige Wirklichkeit, die es für einen Existierenden gibt, ist seine eigene ethische 2),

betont Kierkegaard.

An solchen Bestimmungen ist schon abzulesen, wie grundlegend einerseits die Kritik der Existenzphilosophie artikuliert wird und wie weit dabei zugleich ein völliger Neuansatz reicht, der gewissermaßen ein eigenes Wahrheitskriterium einführt, das ganz massiv die Fundamente einer über zweitausendjährigen Tradition philosophischen Denkens zu untergraben beginnt.
Nicht daß die Hervorhebung ethischer Verantwortlichkeit eine wesentlich neue Erkenntnis wäre, sondern entscheidend ist die grenzen-lose Einsamkeit, in der sie sich zu vollziehen hat, ist die umfassende Autonomie des einzelnen Subjekts, das allein zur sinnvollen Gestaltung seiner Existenz aufgefordert ist, ohne Schutz und Halt finden zu können, ebensowenig in Konventionen wie in menschlicher Gemeinschaft.
Gerade die immer wieder erfolgte und geforderte Selbstaufgabe, das Absehen von sich und der Wunsch, eingebettet in die vermeintlich objektive Wahrheit einer höheren Ordnung anonym und daher bequem leben zu wollen, gilt jetzt als das Verhängnis schlechthin, hindert es doch den einzelnen daran, sich in seiner „Eigentlichkeit“ (um einen besonders bei Heidegger gebräuchlichen Terminus zu nennen), das heißt, seinem wahren Wesen gemäß zu verwirklichen.
Niemals kann objektive Wahrheit unmittelbar zugänglich sein, sondern wenn überhaupt ist sie nur im lebendigen Vollzug subjektiven Existierens zu erstreben, das die menschliche Wirklichkeit ausmacht. So kann sich ewige, unendliche, ja göttliche Wahrheit nur im befristeten, begrenzten, menschlichen Dasein zeigen, und zu dem Problem, wie der einzelne sich angesichts dieses Paradoxons verhalten könne, sagt Kierkegaard:

Auf seinem Höhepunkt ist dieses Wie die Leidenschaft der Unendlichkeit und die Leidenschaft der Unendlichkeit ist die Wahrheit selber. Aber die Leidenschaft der Unendlichkeit ist gerade die Subjektivität, und somit ist die Subjektivität die Wahrheit. 3)

Ganz allein sei der einzelne mit der Entscheidung des „Entweder - Oder“ konfrontiert, mit dem Problem der Wahl zwischen äußerer - ästhetischer - und innerer - ethischer - Existenz, so wie sie Kierkegaard in seiner gleichnamigen Schrift bezeichnete. Damit sind die gegensätzlichen Ebenen der Unmittelbarkeit und der bewußt erlebten Differenz gemeint, die zusammen menschliche Existenz konstituieren und deren unvereinbarer Widerspruch ihre eigentliche Tragik ausmacht.
Im ersten, ästhetischen Stadium, das auch entwicklungsgeschichtlich dem frühester Kindheit entspricht, befindet sich der einzelne noch im Einklang mit der Natur, existiert er zunächst ganz sinnlich hingegeben an die äußere Welt seiner eigenen Körperlichkeit, bewegt sich gewissermaßen voller Unschuld mitten in ihr, ohne irgendeine Wesensverschiedenheit wahrzunehmen. Ein Kind empfindet sich in Harmonie mit dem Ganzen des Seins, es lebt in unmittelbarer Einheit mit seinen natürlichen, ihm angeborenen Fähigkeiten. Und in diesem Zustand versucht sich ästhetische Existenz immer zu bewahren, indem sie sich der Verantwortung, sich selbst bewußt zu wählen und damit eine grundsätzliche Distanz zur Welt zu akzeptieren, beständig entzieht. Sie lebt, getrieben von momentanen Lust- und Unlustgefühlen allein durch und für ihre jeweiligen Stimmungen, gewissermaßen als bloß naiv unvoreingenommener Beobachter ihrer selbst, wobei ihr - je nachdem, was ihr zufällig widerfährt - alles jederzeit unendlich wichtig und völlig unbedeutend werden kann.

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Wenn man sich dergestalt in der Kunst des Vergessens und der Kunst des Erinnerns perfektioniert hat, so ist man imstande, mit dem ganzen Dasein Federball zu spielen. 4)

Mit diesen Worten charakterisiert Kierkegaard in „Entweder-Oder“ das ästhetische Stadium, dessen Verheißungen der einzelne zeitlebens ausgesetzt bleibt und für oder gegen das es sich zu entscheiden gelte. Beständig fordern Triebe und Leidenschaften ihre Befriedigung, erheben sie einen unbedingten, elementaren Anspruch darauf, gestillt zu werden und bilden so die Urkraft des Lebens, die ein scheinbar unerschöpfliches Reservoir an Handlungsenergie bereithält - aber eben gerade wegen dieses grenzenlosen Verlangens nach Selbsterhaltung und -bestätigung auch ein ebensolches Potential des Leidens und der Verzweiflung. Denn niemals läßt sich das Luststreben vollkommen und widerstandslos befriedigen.

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Dagegen kommt es im ethischen Stadium darauf an, daß der einzelne sich selbst mit all seinen in ihm liegenden Möglichkeiten wählt und ergreift.
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Mit seiner ganzen dichterischen Kraft versucht Kierkegaard einen Eindruck von der Bedeutung zu vermitteln, die jenes ethische Stadium für die Selbstwerdung der Existenz hat, wird doch erst darin offenbar, daß sie die Chance einer höheren Bestimmung besitzt, die Chance der Freiheit.

Wenn da alles still um einen geworden ist, feierlich wie eine sternenklare Nacht, wenn die Seele allein ist in der ganzen Welt, da zeigt sich vor ihr nicht ein ausgezeichneter Mensch, sondern die ewige Macht selbst, da tut sich gleichsam der Himmel auf, und das Ich wählt sich selbst, oder richtiger, es empfängt sich selbst. Da hat die Seele das Höchste gesehen, was kein sterbliches Auge zu sehen vermag und was nie mehr vergessen werden kann, da empfängt die Persönlichkeit den Ritterschlag, der sie für die Ewigkeit adelt. Zwar wird damit der Mensch kein anderer als er zuvor gewesen, aber er wird er selbst; das Bewußtsein schließt sich zusammen, und er ist er selbst. Wie ein Erbe, und wäre er auch Erbe aller Schätze der Welt, sie doch nicht besitzt, bevor er mündig geworden ist, so ist die reichste Persönlichkeit nichts, bevor sie sich selbst gewählt hat, und andererseits ist selbst das, was man die ärmste Persönlichkeit nennen müßte, alles, wenn sie sich selbst gewählt hat; denn das Große ist nicht, dieses oder jenes zu sein, sondern man selbst zu sein; und das kann ein jeder Mensch, wenn er es will. 5)

Was jedoch, und diese Frage führt in das Zentrum von Kierkegaards Auffassung der Existenz, veranlaßt den „Sprung“ - wie er ihn selbst nennt - von einer Ebene zur anderen, vom Zustand der unmittelbaren Weltverbundenheit zum verantwortlichen Ergreifen seiner selbst und dem Streben nach einer selbsterkannten Idealität? Aus den Unzulänglichkeiten ästhetischen Existierens, aus den Situationen, da schmerzlich spürbar wird, daß eine vollkommene Befriedigung der eigenen Bedürfnisse unerreichbar bleibt, erwächst ein Gefühl der Verängstigung, das den einzelnen die Notwendigkeit erahnen läßt, sich neu orientieren zu müssen. Und eben diesen Zustand der Angst hält Kierkegaard für die entscheidende Grundbefindlichkeit der Existenz, die sie mit der Möglichkeit der Wahl und damit seiner Freiheit konfrontiert. In der zum Verständnis seiner besonderen Position wichtigen Schrift „Der Begriff Angst“ versucht Kierkegaard den Zusammenhang von Angst, Freiheit und Schuld - beziehungsweise Sünde - aufzuweisen, und bereits diese Termini deuten darauf hin, daß er den Menschen nicht als souverän, sondern vielmehr auf eine höhere, absolute Macht bezogen begreift.
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Die Möglichkeit des Geistes und damit die Angst zu übernehmen, sei die unumgängliche Bestimmung des Menschen, zu der er in seinem Existieren kraft des Gewissens aufgefordert ist, das von ihm verlangt, die Gegensätze des Allgemeinen und des Konkreten, des Objektiven und des Subjektiven handelnd zu überwinden. Nur im Handeln kann aus der Möglichkeit Wirklichkeit werden, und nur im konkreten Vollzug der Wahl ergreift der einzelne sich selbst als geschichtliche Existenz. Nur handelnd entscheidet er auch zwischen Gut und Böse, die nicht abstrakt vorherbestimmte Kategorien sind, sondern deren Unterschied erst dadurch entsteht, daß der einzelne eine der beiden Möglichkeiten „anwendet“, das heißt durch sein Verhalten Wirklichkeit werden läßt.

Grenzen des Wissens – Karl Jaspers (1883-1969)

Wie Jaspers oft betonte, führte ihm seine eigene Arbeit als Mediziner und Psychologe immer wieder deutlich die Grenzen vor Augen, an die eine allein auf empirische Wahrnehmbarkeit gegründete Sichtweise zwangsläufig stößt, weil sie es mit ihren Mitteln niemals vermag, in die eigentlichen Bereiche konkreter, selbstverantwortlicher Existenz vorzudringen. Ihr bleibt im Grunde lediglich zu konstatieren, was ist, Tatbestände festzuhalten und gewissermaßen Material verfügbar zu haben, aber die wesentliche Frage nach dem Warum, nach dem Ursprung der Welt genauso wie nach dem des eigenen Daseins, vor allem danach, woran und wonach sich dieses handelnd ausrichten soll, kann mit den Methoden der Wissenschaft niemals einer Antwort auch nur näherkommen, weil sie in deren eingeschränktem Blickfeld gar nicht auftaucht.
Sogenanntes „zwingendes“, weil in bestimmter Form zu beweisendes Wissen erhebt einen Gültigkeitsanspruch, der jeden anderen Versuch, Wirklichkeit zu begreifen, als unzulässig ablehnt und damit alle Entwicklungsmöglichkeiten von vornherein totalitär unterdrückt.
Dadurch wird die Dimension der Existenz, jene Wahrheit des Subjektiven, eben weil sie ungegenständlich und nur dem einzelnen unmittelbar gegenwärtig ist, völlig ausgeschlossen und im Grunde für ein bloßes Trugbild gehalten. Aber gerade darin liegt der entscheidende Irrtum - den Jaspers im ersten Band seines dreiteiligen Hauptwerkes Philosophie betont: unter Absehung von seiner konkreten Existenz gewissermaßen „reiner Verstand“ sein zu wollen und so das immer bloß relative - auf sich rückbezogene - und deshalb nie allgemeingültige oder zu ewiger Wahrheit werdende Wissen zu verabsolutieren. Die Motive dafür werden psychologisch erklärt:

Die Welt der Wissenschaft fesselt den Menschen auf einzigartige Weise. Nachdem er das in sich geschlossene nur lebendige Dasein verlassen hatte und bewußtes, denkendes Wesen geworden ist, ist er im Dasein ungewiß, was er zu erwarten hat, unruhig durch alles, was ihn überrascht, angstvoll im Nichtwissen: die Wissenschaft aber gibt ihm, soweit sie reicht, zwingendes, allgemeingültiges Wissen als einen festen Halt; er kann sich darauf verlassen. Im Dasein ist er überantwortet den Endlosigkeiten; er sinkt ins Bodenlose, kann mit nichts fertig werden: die Wissenschaft zeigt ihm die Einheit des Wißbaren; sie faßt ein systematisches Ganzes, in dem alles mit allem zusammenhängt...Wahrheiten, die nicht zwingend sind, die also kein reines Objekt für das Bewußtsein überhaupt erfassen, geben keine Weltorientierung. Wenn solche Wahrheiten möglich sind, so besteht doch die Tendenz, auch sie, nachdem einmal die unvergleichliche Erfahrung zwingender Gewißheit gemacht wurde, in Gestalt solcher Gewißheit, wie alles, was mir relevant ist, begreifen zu wollen. Nicht nur die spezifische Befriedigung jeder zwingenden Einsicht ist das Motiv, sondern der Wunsch, überall ein Objekt zu haben, das unabhängig von mir besteht, auf dessen Bestand ich mich verlassen kann, statt in nichts als meiner Freiheit und Gefahr zu stehen. Ich würde befreit von mir selbst: Aber dieser Wille, zwingend zu wissen, was seinem Wesen nach nicht wißbar ist, wird zum Verrat an der Existenz. 6)

Ganz deutlich nennt Jaspers so die Angst des Menschen, sich selbst unverstellt und mit allen Zweifeln und Unzulänglichkeiten zu akzeptieren als Grund für eine Flucht in die Wissenschaft, deren festgefügte Ordnungssysteme einen scheinbaren Halt gewährleisten, indem sie die Beherrschung der Welt wie des eigenen Daseins suggerieren.
Redliches Forschen jedoch wird und muß an seine eigenen Grenzen stoßen und sich darüber klar werden, daß alle letzte Gewißheit bloß eine scheinbare sein kann, weil der erfahrungsgebundene Prozeß der Wissensgewinnung niemals abschließbar ist.
Jaspers spricht bei den Naturwissenschaften von „sich schließender Weltorientierung“, die ihre grundsätzliche Offenheit aufgab und die eigenen, nur relativ - im Hinblick auf bestimmte Ziele - angemessenen Methoden als absolut richtig hinstellt. So bleibt nur noch ein abstraktes, allgemeines Prinzip übrig, das jedes Besondere, Einzelne, Lebendige verschlingt. Die Welt wird gleichsam zu einer erforschbaren Sache.
Da die Problematik spekulativer Systeme bereits bei Kierkegaard angesprochen war, soll hier besonders die Kritik am Positivismus als einer auch heute noch überaus einflußreichen Denkweise Beachtung finden. Um zu unterstreichen, wie weitreichend die einem solchen Begriff zuzuordnende „mechanistisch denkende“ Weltanschauung verbreitet ist - weshalb er sich mit gleichem Recht auch als Empirismus, Materialismus oder Pragmatismus übersetzen ließe -, sei zunächst die Definition erwähnt, die Jaspers ihm gibt. Er versteht Positivismus als:

...die Weltanschauung, die das Sein mit dem naturwissenschaftlich Erkennbaren identisch setzt. Wirklich ist allein, was in Raum und Zeit wahrzunehmen ist. Die Handgreiflichkeit der Dinge beweist ihre Wirklichkeit. Was ist, ist als Objekt. Objektsein und Sein sind eins. Das Subjekt ist selbst ein Objekt unter Objekten. 7)

Nur das unmittelbarer Wahrnehmung Zugängliche also, das Sinnlich-Empirische, das Machbare gilt als wahr, und alle besonderen Merkmale konkreten Daseins besitzen für ein derart quantifizierendes Verständnis lediglich Beispielcharakter, da ihm existentielle Qualitäten wie Freiheit, Glück oder Güte, jene „ethische Harmonie“, von der Kierkegaard sprach, vollkommen unzugänglich sind, weil sie nur gelebt, aber nicht „objektiv“ erfahren werden können. Und so reduziert sich menschliche Wirklichkeit im Positivismus auf die bloße Mechanik eines Reiz-Reaktions-Schemas, das alle Regungen für berechenbar, vorherzusagen und auch zu manipulieren hält, wie die Auswüchse der behavioristischen Psychologie gezeigt haben, durch die der Menschen zu einem steuerbaren Apparat erniedrigt wurde, was ihm die optimale Befriedigung seiner Triebbedürfnisse garantieren sollte.

.... Im Rahmen seiner „Existenzerhellung“ betont Jaspers dagegen besonders die Selbstwerdung des Menschen in Kommunikation mit anderen - für ihn übrigens vor allem mit einem anderen Menschen -, wobei er diese als „liebenden Kampf“ auf Einheit zielender Individuen begreift, die sich gegenseitig durchdringen und dabei selbst verwirklichen. Philosophie - als Existenzerhellung - ist nicht in der Einsamkeit möglich, sondern strebt immer deren Überwindung an, die sich für ihn erst in wahrhafter Kommunikation zu vollziehen vermag. Die beiden Beteiligten stehen dabei in einem dauernden Spannungsprozeß, in dem ihnen sowohl die Möglichkeiten des „Wunders“ der Kommunikation wie auch deren Grenzen und Unvollendbarkeit angesichts eines zeitlichen Daseins bewußt sind. Gerade deshalb eben wird die Kommunikation zu einem ausgezeichneten Merkmal einem „Signum“ der Existenz, wie das bei Jaspers heißt. Denselben Charakter trägt auch die unabdingbare Voraussetzung wahrhafter Kommunikation - im Gegensatz zu bloßer Verständigung auf intellektueller Ebene -, und zwar die Freiheit. Nur aus der selbst ergriffenen Freiheit kann sich ein Mensch wirklich einem anderen in dessen Freiheit zuwenden, weshalb Jaspers in ihr auch den eigentlichen Grund der Existenz sieht. Doch auch die Freiheit ist eben nicht objektiv beweisbar, sondern sie vermag nur im Vollzug der gelebten Existenz vom einzelnen erfahren zu werden. Zu existieren bedeutet im Grunde schon, die Freiheit zu gebrauchen - im Gegensatz zu bloßem Dasein. Freiheit bedeutet, wollen zu können, wobei der Wille gerade aus dem Nichtwissen um die Bestimmung des Ich hervorgeht.
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Er spricht nun von „Grenzsituationen“ - ein ganz zentraler Terminus für das Jasperssche Philosophieren -, die eine Entwicklung des Seinsbewußtseins veranlassen können und deren es im Grunde unzählig viele gibt, weil sich Dasein eben immer in Situation ereignet, so daß potentiell auch jede als unausweichliche Grenze erfahren werden kann, nicht in ihrer konkreten Gestalt, aber in ihrem Situationsein als solchem. Aber erst die Entscheidung, sich ihre Wirklichkeit nicht zu verschleiern, ihr nicht auszuweichen, sondern ihr offen und bewußt zu begegnen, macht eine Situation zu einer Grenzsituation, die in ihrer Annahme durch den einzelnen die Chance seiner Verwandlung bietet.

Situationen wie die, daß ich immer in Situation bin, daß ich nicht ohne Kampf und ohne Leid leben kann, daß ich unvermeidlich Schuld auf mich nehme, daß ich sterben muß, nenne ich Grenzsituationen. Sie wandeln sich nicht, sondern nur in ihrer Erscheinung; sie sind auf unser Dasein bezogen, endgültig. Sie sind nicht überschaubar; in unserem Dasein sehen wir hinter ihnen nichts anderes mehr. Sie sind wie eine Wand, an die wir stoßen, an der wir scheitern. Sie sind durch uns nicht zu verändern, sondern nur zur Klarheit zu bringen, ohne sie aus einem anderen erklären und ableiten zu können. Sie sind mit dem Dasein selbst...Als Dasein können wir den Grenzsituationen ausweichen, indem wir vor ihnen die Augen schließen...Auf Grenzsituationen reagieren wir daher sinnvoll nicht durch Plan und Berechnung, um sie zu überwinden, sondern durch eine ganz andere Aktivität, das Werden der in uns möglichen Existenz; wir werden wir selbst, indem wir in die Grenzsituationen offenen Auges eintreten. Sie werden, dem Wissen nur äußerlich kennbar, als Wissen nur für Existenz fühlbar. Grenzsituationen erfahren und Existieren ist dasselbe. In der Hilflosigkeit des Daseins ist es der Aufschwung des Seins in mir. Während dem Dasein die Frage nach dem Sein in den Grenzsituationen fremd ist, kann in ihnen Selbstsein des Seins inne werden durch einen Sprung: das von den Grenzsituationen sonst nur wissende Bewußtsein wird auf einmalige, geschichtliche und unvertretbare Weise erfüllt. Die Grenze tritt in ihre eigentliche Funktion, noch immanent zu sein und schon auf Transzendenz zu weisen. 8)

Das meint, in dem Augenblick, da sich der einzelne der umfassenden Bedingtheit seines Daseins bewußt wird, wo er begreift, daß er sich nicht selbst verdankt und nie die Voraussetzungen seines Denkens und Handelns wirklich allein bestimmt - aus dieser entscheidenden Grenzerfahrung erwachse gerade die Chance der Freiheit einer möglichen Existenz. Denn jede Grenze weise immer über sich selbst hinaus, auf einen ganz anderen Bereich, der jenseits von uns liegt. Nicht erkennbar oder zu beschreiben, aber doch deutlich und intensiv im Gefühlserlebnis präsent, als Möglichkeit eines anderen Seins.
Zwar versteht Jaspers die Erfahrung der Grenzen gleichsam als Scheitern des Menschen, aber er räumt ihm ausdrücklich verschiedene mögliche Weisen ein, dieses Scheitern zu erleben, welche dann jeweils die wesentliche Voraussetzung seines weiteren Daseins ausmachen.

Es ist entscheidend für den Menschen, wie er das Scheitern erfährt: ob es ihm verborgen bleibt und ihn nur faktisch am Ende überwältigt, oder ob er es unverschleiert zu sehen vermag und als ständige Grenze seines Daseins gegenwärtig hat: ob er phantastische Lösungen und Beruhigungen ergreift, oder ob er es redlich hinnimmt im Schweigen vor dem Undeutbaren. Wie er sein Scheitern erfährt, das begründet, wozu der Mensch wird. In den Grenzsituationen zeigt sich entweder das Nichts, oder es wird fühlbar, was trotz und über allem verschwindenden Weltsein eigentlich ist. Selbst die Verzweiflung wird durch ihre Tatsächlichkeit, daß sie in der Welt möglich ist, ein Zeiger über die Welt hinaus. 9)


  1. Kierkegaard, S. (1962). Die Tagebücher, 1. Band. In: Ges. Werke, Anhang, S.17/18. Düsseldorf: Diederichs
  2. Kierkegaard, S. (1962). Unwissenschaftliche Nachschrift. In: Gesammelte Werke, 16. Abt., 2. Teil, S. 17 Düsseldorf: Diederichs
  3. a.a.O., 1. Teil, S. 194
  4. Kierkegaard, S. (1962). Entweder – Oder. S. 341. München: dtv
  5. a.a.O., S. 727/728
  6. Jaspers, K. (1973). Philosophie, Bd. I., S.86…S.93. Heidelberg: Springer
  7. a.a.O., S. 213
  8. Jaspers, K. (1973). Philosophie, Bd. II., S.203/204. Heidelberg: Springer
  9. Jaspers, K. (1971). Einführung in die Philosophie. S. 20. München: Piper

 

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